Mittwoch, 30. April 2008 16:22
Folgender Kommentar kann als Resumé eines durchaus interessanten Abends betrachtet werden.
Handlung:
Eine koreanische und eine deutsche Verlagsangestellte, eine deutsche Architekturbüro-Praktikantin, eine englisch-iranische Studentin, ein paraguayischer Student, ein schwedischer Reiseführer und ein kleiner „Merkurianer“ bei viel australischem Wein in einem Thai-Restaurant in Chinas Hauptstadt.
Zu Beginn der Erzählung möchte ich noch erwähnen, dass ich seit einiger Zeit häufiger nach der Situation in Tibet gefragt werde, als nach meinen eigenen Wohlbefinden. Aber die Prioritätensetzung meiner lieben Bekannten sei ihnen ja selbst überlassen…
Die Tibetfrage ist jedenfalls unter den hier lebenden „laowais“ äußerst unbeliebt. Warum? So mancher Expat kann sich ja als durchaus schreibfaul bezeichnen und da erscheint einem die Beantwortung solch einer „nichtigen“ Frage mehr als nur zwei Zeilen wert.
Wie man nun auch zu diesem Thema steht kann keiner von sich behaupten das Wissen für sich gepachtet zu haben.
Und so wird aus der Beantwortung dieser Frage folgender Exkurs in Form einer Lobrede an die „Diskussionskultur“.
Man möge es erschreckend finden, dass die politische Resignation der meisten Chinesen so groß zu sein scheint, dass sich selbst unter den jungen Studenten und somit der “Elite” von morgen kaum einer für Politik interessiert. Die Innenpolitik ist dessen größtes Opfer aber auch um außenpolitische Themen ist es nicht viel besser bestellt. Noch erschreckender ist jedoch, zu sehen wie sich dies von einem auf den anderen Tag ändern kann.
So hätte die chinesische Mitbewohnerin –natürlich nicht die politisch Interessierteste - ohne ihre ausländischen Mitbewohnern erst nach ca. einer Woche von den Geschehnissen in Tibet erfahren. Nun hingegen scheint sie jede freie Minute in Internetforen ihre Meinung kundzutun. Natürlich nichts Kritisches …
Dementsprechend stand die Teilnahme an einer Demonstration vergangene Woche außer Frage. Von hiesigen Studenten organisiert, versammelten sich tausende der „Elite“ von morgen um zu demonstrieren: Für ein geeintes China und gegen die hetzerischen ausländischen Medien. Und wenn wir schon dabei sind, Frankreich spielte dank des hitzköpfigen Sarkozys den Vorreiter und dient jetzt als die Inkarnation des bösen Westens schlechthin. Die Topmanager von Carrefour, L’Oréal etc. dürften sich freuen.
Wieso dies so erschreckend ist? Weil man selbst miterlebt wie einflussreich die Medien sind.
Man kann es nur Wenigen verübeln, dass der Zugang zu alternativen Quellen hierzulande erschwert wird. Insbesondere sobald man nur des Hochchinesischen oder eines der chinesischen „Dialekte“ mächtig ist. Wohl gemerkt, dies trifft schon weniger auf die oben genannte Gruppe zu die oft des Englischen mächtig ist und der Zugriff auf entsprechende Seiten nicht gesperrt ist. Auch ist vielen die Möglichkeit des anonymen Surfens im Netz dank Webseiten wie z.B. www.anonymouse.org bekannt. Ob solche Möglichkeiten dem Schäuble gefallen?
Aber ein Blick auf die eigene Heimat ist da manchmal noch frustrierender!
Wie unabhängig bzw. objektiv sind denn unsere „demokratischen“ Medien? Wohl nicht viel mehr! Und genau hier liegt der Fuchs begraben.
Zwar mögen die meisten europäischen Medien nur einer geringen staatlichen Zensur unterstehen – hierbei Grüße an meinen Freund, den alten und leider wieder neuen Ministerpräsidenten Silvio – doch wie unabhängig bzw. objektiv können denn Journalisten sein die seit ihrer Geburt den Werten und Moralen der Gesellschaft unterliegen? Wird nicht alles von unserem demokratischen Standpunkt aus betrachtet und somit unseren Idealen unterworfen?
Warum zum Beispiel muss jeder Erdenbürger der Meinung sein, dass es jedem Individuum gut gehen müsse anstatt auch sagen zu können dem Kollektiv muss es gut gehen (und somit Einige auf der Strecke bleiben). Ob dies meiner persönlichen Meinung entspricht oder nicht sei dahingestellt aber, dass diese Meinung besteht und, dass sie auch eine Logik hat kann nicht bestritten werden. Und somit ist sie auch legitim.
Nur verwundert es mich oft wie viele Europäer „unsere“ Medien für vollkommen und objektiv halten nur weil sie kaum staatlicher Zensur unterliegen. Wird man sich bewusst, dass dies nicht der Fall ist relativiert es oft die eigene Meinung über Standpunkte anderer.
Auch ist diese ewig währende Demokratisierungserwartung an andere Staaten nervig. Wenn ein Staat bzw. dessen Bevölkerung nach Demokratie strebt, dann sollte dies doch von Innen kommen. Widerspricht es nicht dem demokratischen Gedanken wenn einem Land die Demokratie auferzwungen wird? Wer soll dies mittelfristig tragen und instand halten können wenn nicht die Bevölkerung selbst? Man kann von der Demokratie halten was man will, aber einen Weltanspruch hat sie nicht.
Die Marktwirtschaft scheint nicht an Demokratie gebunden zu sein und vice versa. „Markt- vs. Planwirtschaft“ ist vielleicht passé. Besser man gewöhnt sich aber jetzt daran, dass es vielleicht langfristig auch autoritäre Marktwirtschaften geben wird. In den letzten Dekaden haben sich diese, mit Blick auf China zum Beispiel, zumindest in ihrer Effizienz bewertet.
Lange Rede kurzer Sinn, unsere Medien sind voreingenommen, von den Chinesischen ganz zu schweigen, aber das Meinungsbild der Meisten bilden sie trotzdem oder gerade deshalb. Denn auch wenn ich als Deutscher französische oder amerikanische Medien nutze ist die Meinung, was China betrifft, doch meistens die gleiche.
Doch was ich glaube kritisieren zu dürfen ist wenn man darüber nicht diskutieren kann oder möchte. Ich verstehe, dass es hier in China einfach keine Streitkultur wie im Westen gibt. Wie denn auch? Von klein auf wurde den Meisten alles vorgegeben. In der Schule darf nichts hinterfragt werden (oder in den Worten einer Chinesisch-Lehrerin letzte Woche: „Ihr könnt schreiben worüber ihr wollt, es kommt nur auf die Art des Geschriebenen an. Außer Politik, das wird nicht bewertet!“), das Studium besteht nur aus Auswendiglernerei etc. Daher werfe ich dies den wenigsten vor auch wenn ich das kritisiere.
Aber gerade deshalb bin ich um eines froh was es im „alten“ Europa gibt und was ich vermisse überall wo es dies nicht gibt: unsere „Diskussion-, Streit- oder Wie-Auch-Immer-Man-Es-Nennen-Mag-Kultur“ (Zum Leid mancher Professoren
). Denn egal welcher Meinung man ist, es zwingt einen dies auch zu begründen. Und da liegt er wieder der Fuchs - oder war es ein Hase? – kann man auch von Anderen überzeugt werden und erkennt, dass man nicht immer im Recht ist. Und vielleicht ist dies ein Teil von dem was man „Interkulturelle Toleranz“ nennen könnte und bei der diesjährigen Olympiade wahrhaftig erloschen ist.
Und hierauf unser abschließendes „干杯!“ (Gānbēi / Prost!).
PS: Webseite die es Wert ist zu propagieren www.ted.com.